31 Okt

Die Werkstatt im Freien, Jahrgang 2011 im Zeitraffer

Das war wieder einmal eine Lektion der Natur, die wir nur unter der Rubrik „Lebenserfahrung, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“, erfahren durften. Ein außergewöhnlich trockenes Frühjahr von März bis Mai, mit lediglich einem Viertel der üblichen Niederschlagsmenge aber mehr als 150% der mittleren Sonnenscheindauer war verantwortlich für einen sehr frühen Austrieb der Reben. Während der nächtliche Kälteeinbruch am 14. April noch spurlos an den Weinbergen vorüberging, verursachte die Frostnacht vom 4. auf den 5. Mai massive Frostschäden (siehe Bericht unten), die in einzelnen Lagen zu 100% Ausfall führten. Dem frühen Austrieb folgte eine frühe Blüte auf dem Fuß. Der Blütebeginn am 26. Mai lag gut drei Wochen vor dem 30-järigen Mittel von 1981 – 2010. Dem folgte eine rasante phänologische Entwicklung mit einem Dickenwachstum, das uns ein Platzen der Trauben befürchten ließ. Pünktlich zum Sommersonnenmonat Juli setzte dann eine Abkühlung ein, die im Tagesmittel vom 20. Juli mit 12,5`C ihren Tiefpunkt erreichte. Beim Riesling wurde der Reifebeginn auf den frühsten Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen, dem 30. Juli festgestellt. Selbst im Supersommer 2003 datiert dieser phänologische Wert auf dem 02. August. Dieser verursachte uns in der sensiblen Reifephase mit einer extrem hohen Luftfeuchte und 200% des mittleren Niederschlages extrem viele Kopfschmerzen. Insbesondere das schwül-feuchte Wochenende vom 3. Und 4. September förderte die Fäulnis der Trauben, welche zwischenzeitlich  überall deutlich voranschritt. Die früheste Lese aller Zeiten kündigte sich an und begann bei uns am 06. September 2011.

Wir waren mental noch lange nicht auf Lese eingestellt, doch die Natur kennt keine Pause. Während der Herbstprobe am 10. und 11.  September konnten dann einige Weinfreunde das Keltern der Trauben „live“ erleben. Dabei begann die Ernte 2011 nicht nur sehr früh, sondern sollte auch besonders schwierig werden. Der Fäulnisbefall der Trauben erforderte eine selektive Handlese. Diese war zwingend notwendig und mit dem Aussortieren der unbrauchbaren Trauben mussten wir außergewöhnlich hohe Mengenverluste akzeptieren. Eigentlich hatten wir, nach zwei schwachen Ernten 2009 und 2010, mit einer normalen Erntemenge gerechnet… Die alte Weisheit, dass zum Ende auch noch das Glas umfallen kann, hier wurde sie Realität.  In dieser fast ausweglosen Situation sorgte der Wetterbericht vom 12. September für Entspannung. Verlässlich versprach die Prognose einen bilderbuchmäßigen Altweibersommer. Richtungswechsel, 180 Grad! Jetzt hatten die vorselektierten Weinberge Zeit richtig reif zu werden, jetzt hieß die Parole: wenn schon eine kleine Ernte, dann aber bitte richtig gut. Es klappte, denn das Jahr 2011 hatte eine weitere Überraschung parat: fast keinen Regen mehr bis Dato! Am Ende, Resümee: Riesling bis 110`Oe und Burgunder bis 117`Oechsle. Der 2011er wieder einmal ein Ausnahmejahrgang und in bester Gesellschaft mit dem berühmten „Kometenjahrgang 1811“ und einem der besten Jahrgänge des vergangenen Jahrhunderts dem „1911er“! Ob Gott „Jocus“ da einen Stein bei „Bacchus“ im Brett hat? Wir Mainzer sind gespannt!